Von A wie Asphalthähnchen bis W wie Wasserfall — Wanderparadies La Réunion!

„La Réun… was?“ Das wur­de ich häu­fig gefragt, als ich Ver­wand­ten und Freun­den von mei­nem Road­t­rip aus 2019 erzählt habe. „Wo soll das denn sein?“, „Hab‘ ich ja noch nie gehört…“ und „Ah, bei Mau­ri­ti­us? Das ken­ne ich!“ hör­te ich, wenn ich mühe­voll erklä­ren durf­te, wo mei­ne nächs­te Rei­se mich hin­führ­te. Damit dich nicht ein ähn­li­ches Schick­sal ereilt, stel­le ich hier das Wan­der­pa­ra­dies La Réuni­on vor.

Cascade Grand Galet während dem Roadtrip auf Réunion
Cas­ca­de Grand Galet

Der tropischste Teil Europas

Möch­te man La Réuni­on in einem Wort beschrei­ben, ist das wohl „unglaub­lich“. Alter­na­tiv gin­ge auch „sur­re­al“, „ein­zig­ar­tig“ oder ein­fach nur „krass“. Damit du ein bes­se­res Bild von der Insel bekommst, hole ich etwas wei­ter aus.

Das fran­zö­si­sche Über­see-Dépar­te­ment mit­ten im indi­schen Oze­an liegt knapp 700 Kilo­me­ter ent­fernt vom wil­den Mada­gas­kar und 200 km ent­fernt von der Traum­in­sel Mau­ri­ti­us. Wegen sei­nen 500 Kilo­me­tern Umfang könn­te man mei­nen, dass die Insel schnell erklärt ist. Aber weit gefehlt!
Mit etwa 850.000 Ein­woh­nern gehört La Réuni­on zunächst mal zu Frank­reich und somit zur EU.

Das heißt, wenn du woll­test, könn­test du sogar mit dem Per­so­nal­aus­weis ein­rei­sen (Ach­tung! Nur wenn man nicht über Mau­ri­ti­us fliegt). Der wohl tro­pischs­te Teil Euro­pas bie­tet neben akti­ven Vul­ka­nen (rich­tig gehört, AKTIV!), eines der höchs­ten Bul­len­hai­vor­kom­men welt­weit und mal eben dut­zen­de Mikro­kli­ma­te je nach Insel­ab­schnitt, die jeden Aus­flug zu einem Aben­teu­er machen kön­nen.

Bedeu­tet kon­kret, dass mei­ner Oma vor mei­nem Road­t­rip nur fol­gen­des ein­fiel: „Jun­ge, du hast doch Todes­sehn­sucht!“

Aber so schlimm ist es nicht, im Gegen­teil! Es ist ein wah­res Para­dies. Noch dazu ein bis­her rela­tiv unbe­kann­tes und daher wenig über­lau­fe­nes Urlaubs­ziel.

Wasserfall während dem Roadtrip auf Réunion
Was­ser­fall auf der Ost­sei­te

Eine kleine Zeitreise

Die Insel blickt auf eine beweg­te Geschich­te zurück. Noch bis zum 17. Jahr­hun­dert war Réuni­on kom­plett unbe­wohnt, bis es von Frank­reich kolo­nia­li­siert wur­de. Fran­zö­si­sche Sied­ler kamen her und ver­schlepp­ten Skla­ven aus Mada­gas­kar, Ost­afri­ka und Indi­en auf die Insel, die zur Plan­ta­gen­wirt­schaft „genutzt“ wur­den. 1848 ende­te offi­zi­ell die Skla­ve­rei und die Nach­kom­men ehe­ma­li­ger Skla­ven sowie die der dama­li­gen Sied­ler bil­de­ten eine ziem­lich fried­li­che Gemein­schaft. Wei­te­re Eth­ni­en und Reli­gio­nen bevöl­ker­ten nach und nach die bis dato über­wie­gend christ­li­che Insel und sorg­ten für die bis heu­te anhal­ten­de homo­ge­ne Mul­ti­kul­tur aus Chris­ten, Hin­dus, Mus­li­men und Bud­dhis­ten. Die namens­ge­ben­de Bezeich­nung „Insel der Zusam­men­kunft“ ist also alles ande­re als weit her­ge­holt und das spürst du vor Ort!

Heu­te leben die Men­schen hier über­wie­gend von der Land­wirt­schaft und dem Tour­si­mus. Bour­bon-Vanil­le, Zucker­rohr, Rum und Fisch sind die wich­tigs­ten Export­gü­ter. Jedoch sind die Bewoh­ner noch immer völ­lig abhän­gig von Impor­ten aus dem Mut­ter­land Frank­reich.

Intensive Insel

Kom­men wir aber jetzt zu den Beson­der­hei­ten der Insel, die sie „sur­re­al“, „ein­zig­ar­tig“ und „krass“ machen.

Piton Maido während dem Roadtrip auf Réunion
Son­nen­auf­gang am Piton Mai­do

Zunächst star­ten wir mal mit der Urge­walt schlecht­hin, den Vul­ka­nen der Insel. Allen vor­an muss man hier den Piton de La Four­nai­se nen­nen, der wohl ein­drucks­volls­te und aktivs­te Vul­kan der Insel. Prak­tisch die gesam­te Süd­küs­te ist durch immer wie­der auf­ein­an­der­fol­gen­de Lava­strö­me eine beein­dru­cken­de Mischung aus Mond­land­schaft und grü­ner Tro­cken­ve­ge­ta­ti­on gewor­den. Auch heu­te bricht das UNESCO Welt­na­tur­er­be immer wie­der aus und macht ihn dadurch zum Star unter den Sehens­wür­dig­kei­ten.

Weni­ger häu­fig besucht, aber nicht weni­ger beein­dru­ckend ist der Piton de Nei­ges. Der höchs­te Gip­fel im indi­schen Oze­an ist das Zen­trum der Insel und bie­tet eine traum­haf­te und bewahr­te Natur. Vor meh­re­ren Mil­lio­nen Jah­ren schuf der 3070m hohe Piton de Nei­ges cir­ca zwei Drit­tel der heu­ti­gen Insel­flä­che. Seit über 120 Jahr­hun­der­ten ruht die­ser Vul­kan aller­dings nun schon. Bei­de „Feu­er­ber­ge“ bie­ten ein unfass­ba­res Pan­ora­ma und traum­haf­te Wan­der­stre­cken, die min­des­tens einen Tages­aus­flug wert sind. Doch auf­ge­passt: Hier soll­tet ihr euch gut vor­be­rei­ten und aus­rüs­ten, bei­de Ber­ge sind nichts für Wan­der­an­fän­ger.

Piton de la Fournaise während dem Roadtrip auf Réunion
Abstieg vor dem Auf­stieg zum Kra­ter des Piton de la Four­nai­se

Haaaaaaie!

Neben den feu­er­spei­en­den Vul­ka­nen lau­ert die nächs­te Gefahr im Was­ser. Haie sind hier ein all­ge­gen­wär­ti­ges und sehr ernst­ge­nom­me­nes The­ma. Auf der Insel ist die Wahr­schein­lich­keit von einem Hai ange­grif­fen zu wer­den 1000 Mal höher als in Aus­tra­li­en oder Süd­afri­ka. Opfer der Angrif­fe sind meist jedoch Sur­fer, die hier zwar ihr Wel­len­pa­ra­dies fin­den, ihren Mut aber oft teu­er bezah­len. Die Behör­den spann­ten seit 2011 Hai­ab­fang­net­ze, sperr­ten Strän­de, spra­chen loka­le Surf­ver­bo­te aus und errich­te­ten Fels­be­cken, damit eine hohe Sicher­heit beim Baden und Schnor­cheln gewähr­leis­tet wer­den kann. Natür­lich geht es den Behör­den nicht zuletzt auch um das Wohl der lei­der stark gejag­ten Jäger.

Mit Erfolg, die Men­schen — Ein­hei­mi­sche und Tou­ris­ten — trau­en sich wie­der ins Was­ser und genie­ßen ent­spann­te Tage am Strand und im Meer, wäh­rend es den Bul­len­hai­en immer bes­ser zu gehen scheint. Denn an kaum einem ande­ren Ort wer­den die Tie­re so groß wie hier. Seit 2018 gibt es kei­ne spe­zi­el­len War­nun­gen mehr bezüg­lich Hai­an­grif­fen und es wird ruhi­ger um die wun­der­schö­nen Jäger der Mee­re. Hal­te dich wäh­rend dei­nem Road­t­rip hier an die Beschil­de­rung an Strän­den und Gewäs­ser und folgt den Anwei­sun­gen der Behör­den, dann habt ihr sehr wenig zu befürch­ten.

Wanderbares Réunion

Genug der lei­der nega­tiv behaf­te­ten Begrif­fe, kom­men wir mal zu etwas Posi­ti­vem: Die Insel der Kon­tras­te bie­tet ein ein­zig­ar­ti­ges Netz an Wan­der­we­gen zu wun­der­schö­nen Spots. Von der ein­fa­chen Pan­ora­ma-Tages­wan­de­rung bis zur anspruchs­vol­len mehr­tä­gi­gen Berg­wan­de­rung ist hier alles mög­lich. Die Hoch­ebe­nen, Tal­kes­sel, Was­ser­fäl­le und der tro­pi­sche Regen­wald bil­den zusam­men eine wahn­sin­nig abwechs­lungs­rei­che und sehens­wer­te Land­schaft. Gepaart mit den unzäh­li­gen Wet­ter­um­schwün­gen je nach Insel­ab­schnitt und Höhen­la­ge, wird aus jeder Wan­de­rung ein tol­les und ein­zig­ar­ti­ges Erleb­nis. Jedoch soll­tet ihr früh star­ten. Der Nebel ist hier all­ge­gen­wär­tig und zieht je nach Regi­on schon gegen Mit­tag auf – auch das ist ein beein­dru­cken­des Schau­spiel.

Das Wan­dern ist hier übri­gens ganz­jäh­rig je nach Vor­lie­ben mög­lich! Im Win­ter (Mai-Okto­ber) ist es mild und tro­cken mit ca. 20–25 Grad, wäh­rend es im Som­mer (Novem­ber-April) bis zu 30 Grad wer­den kön­nen und Regen­fäl­le und höhe­re Luft­feuch­tig­keit an der Tages­ord­nung sind.

Wanderung Cilaos
Wan­der­weg bei Cila­os

Wo wir schon gera­de beim The­ma Kli­ma sind… Von Insel­ab­schnitt zu Insel­ab­schnitt gibt es über­ra­schend star­ke Unter­schie­de im Wet­ter. Wäh­rend es auf der Ost­sei­te reg­ne­risch und mild ist, ist es im Zen­trum tro­cken und nachts sogar recht kühl und um das Gan­ze abzu­run­den hat der Wes­ten es warm und son­nig. Das Gan­ze fin­det auf einer Flä­che statt, die so groß wie das Saar­land ist!

Kräftig hupen gehört zum guten Ton

Um die gan­ze Viel­falt der Insel ansatz­wei­se fas­sen zu kön­nen, kann ich euch nur emp­feh­len einen Miet­wa­gen zu buchen. Es macht rie­si­gen Spaß mit dem Miet­wa­gen die unzäh­li­gen Kur­ven und Höhen­me­ter zu bewäl­ti­gen. Mal ein paar Zah­len zum Ver­gleich: Wer nach Cila­os möch­te, dem Herz der Insel, darf sich auf 35 Kilo­me­ter mit rund 450 Kur­ven und einem beein­dru­cken­den Pan­ora­ma freu­en. Klei­ner Tipp am Ran­de: Vor jeder Kur­ve kräf­tig hupen!

Cilaos
Cila­os

Die Stra­ßen­ver­hält­nis­se hier sind wei­test­ge­hend sehr gut und ver­gleich­bar mit deut­schen Stra­ßen. Es kann hier und da mal eng und holp­rig wer­den. Wenn ihr bei­spiels­wei­se zum Piton de la Four­nai­se fah­ren möch­tet, endet die asphal­tier­te Stra­ße plötz­lich und geht gefühlt in ein ein­zi­ges rie­si­ges Schlag­loch aus stau­bi­gem Feld­weg über. Sobald man sich dar­an gewöhnt hat, macht die­se Stra­ße fast so viel Spaß wie die Ser­pen­ti­nen­tour nach Cila­os. Um die Insel her­um führt übri­gens eine mehr­spu­ri­ge Ring­stra­ße, die alle grö­ße­ren Orte und die bei­den Flug­hä­fen mit­ein­an­der ver­bin­det.

Inselkulinarik — Ohne Mampf, kein Kampf

Als letz­ten Punkt möch­te ich noch auf die Ess- und Trink­kul­tur wäh­rend einem Road­t­rip ein­ge­hen. Auf Réuni­on gibt es eine ziem­lich gro­ße Aus­wahl an aller­lei ein­hei­mi­schen „kreo­li­schen“ Spe­zia­li­tä­ten, die du pro­bie­ren musst. Eine davon ist das tra­di­tio­nel­le „Cari“. Abge­lei­tet vom indi­schen Cur­ry, gibt es die Reis­spei­se in unzäh­li­gen Varia­tio­nen. Zwie­bel, Knob­lauch, Thy­mi­an, Toma­ten, Salz, Pfef­fer und Kur­ku­ma fin­den eben­so den Weg in das Gericht, wie ver­schie­de­ne Fleisch- oder Fisch­sor­ten und Chouchou, Kar­tof­feln oder Pal­men­her­zen. Lecke­re Tro­pen­früch­te und ein Gläs­chen „Rhum Arran­gé“ wer­den oft als Des­sert gereicht.

Als klei­ner Imbiss am Mit­tag oder für Zwi­schen­durch wer­den über­all an den Stra­ßen­rän­dern die soge­nann­ten “Asphalt­hähn­chen” ange­bo­ten. Impro­vi­sier­te Grill­stän­de berei­ten hier alle mög­li­chen lecker gewürz­ten Hähn­chen­spe­zia­li­tä­ten zu. Auch das ein­hei­mi­sche Bier „Bour­bon“, das über­all nur „La Dodo“ genannt wird, ist abso­lut emp­feh­lens­wert und natür­lich muss der über­all pro­du­zier­te loka­le Rum von dir pro­biert wer­den.

Schnapp dir deine Roadtrip-Crew!

Mein per­sön­li­ches Fazit zum Road­t­rip könn­te posi­ti­ver nicht sein. Die Insel birgt Gefah­ren, die auch nicht auf die leich­te Schul­ter genom­men wer­den soll­ten. Jedoch stel­len die kras­se Viel­sei­tig­keit und die unfass­ba­re Land­schaft jeden nega­ti­ven Aspekt weit in den Schat­ten.
Schnapp dir eure Road­t­rip-Crew und wage einen ein­ma­li­gen Trip ins Wan­der­pa­ra­dies La Réuni­on!

Roadtrip Crew
Kra­ter­rand des Piton de la Four­nai­se mit mei­ner Road­t­rips-Crew

Stay tun­ed!