6.666 km für ein Kamel — 4. Teil

Auto auf Rallye Strecke
End­lich freie Bahn!

So, wei­ter geht’s! Der vier­te Teil mei­ner All­gäu-Ori­ent-Ral­lye 2014 dreht sich vor allem um die mensch­li­chen Erfah­run­gen, die man wäh­rend eines Ral­lye-Road­t­rips so erlebt. Spon­ta­ne Freund­schaf­ten, Schreck­se­kun­den und Spass ohne Ende. Das gan­ze gewürzt mit einer (un)gesunden Por­ti­on Ben­zin-Aben­teu­er! Plea­se fas­ten your seat­belt and start your engi­ne!

Was bisher geschah

In den ers­ten Tei­len mei­nes AOR-Berich­tes hast du unser Team ken­nen­ge­lernt und ich konn­te dir hof­fent­lich eini­ge span­nen­de und auf­re­gen­de Momen­te näher brin­gen. Erin­nerst du dich an unse­re 35-stün­di­ge Mara­thon-Etap­pe von Kroa­ti­en nach Istan­bul (Teil 2)? Oder das unglaub­li­che Abschlepp-Sze­na­rio aus Teil 3?

Rallye-fahren in der Türkei

In die­sem Bei­trag beglei­test du mich nun bei der größ­ten Anzahl an Ral­lye-Kilo­me­tern — durch die ver­steck­ten und unge­ahn­ten Schön­hei­ten der Tür­kei und zu wei­te­ren High­lights unse­rer Young­timer-Ral­lye.

Mein letz­ter Bericht ende­te mit unse­rer Wagen­burg in Corum. Dort ver­brin­gen wir noch den fol­gen­den Vor­mit­tag. Wäh­rend ein Teil des Teams die Stadt erkun­det und dabei wich­ti­ge Auf­ga­ben für unser Road­book erle­digt, nut­ze ich die Zeit und brin­ge unse­re Berich­te auf den aktu­el­len Stand. Denn unse­re Freun­de und Fami­li­en wol­len wis­sen, was bei uns abgeht. Mitt­ler­wei­le ver­fol­gen näm­lich mehr als 1500 Men­schen täg­lich unse­re Aben­teu­er auf Face­book und Co.

Das Off-Road-Abenteuer geht weiter

Mit­tags setzt sich die Ral­lye-Gemein­de wie­der in Bewe­gung und man merkt sofort, dass der Adre­na­lin­pe­gel steigt. Geil, end­lich wie­der auf die Stras­se! Auch heu­te gibt es einen wil­den Off­road-Ritt. Wesent­lich hef­ti­ger als ges­tern, da nun die Teams zeit­lich recht nah zusam­men auf die Stre­cke gelas­sen wer­den. Das pro­vo­ziert Über­hol­ma­nö­ver. Die bedeu­ten Spaß… aber auch Gefahr.

Im auf­ge­wir­bel­ten Staub der Pis­ten schät­zen wir mal wie­der unse­re CB-Funk­ge­rä­te. Im For­ma­ti­ons­flug het­zen wir unse­re drei Vol­vos über Stock und Stein. Wer gera­de vor­an­fährt hat den schwie­rigs­ten Job: Der Fah­rer gibt alles und der Bei­fah­rer infor­miert die bei­den fol­gen­den Fahr­zeu­ge über Funk, wel­che Kur­ven oder Stre­cken­be­din­gun­gen sie erwar­ten. Das klingt in etwa so “in 50 Metern scharf rechts, dann rechts vor­bei an dem kaput­ten 5er BMW, ACHTUNG: Fels­bro­cken auf der lin­ken Sei­te”. Alle 20 Minu­ten wech­seln wir die Fahr­zeug-Posi­tio­nen — denn spä­tes­tens dann ist der Fah­rer durch und der Bei­fah­rer hat die Hosen voll…

Schon mal einen Polizei-Wagen im Einsatz überholt?

Die AOR hat wirk­lich tol­le Stre­cken aus­ge­wählt und die tür­ki­sche Poli­zei sorgt dafür, dass wir fern­ab des Zivil­ver­kehrs Gas geben kön­nen.

Vorbei am Polizei-Fahrzeug im Einsatz
Vor­bei am Poli­zei-Fahr­zeug im Ein­satz

Apro­pos Poli­zei: Auf einer Ver­bin­dungs­etap­pe sind wir (mal wie­der) zu schnell unter­wegs und schaf­fen es mit unse­ren Ral­lye­bo­li­den einen Poli­zei-Wagen im Ein­satz — also mit Blau­licht — zu über­ho­len. Wie vie­le Punk­te wür­de uns das wohl in Deutsch­land ein­brin­gen?

Auto mit Regenbogen
Für den guten Zweck und immer unter dem himm­li­chen Schutz

Abends errei­chen wir Tokat. Lei­der ist es schon spät und wir kön­nen nur erah­nen, wie schön die Stadt ist. Am nächs­ten Mor­gen geht es wie­der früh los. Der AOR-Fami­lie trifft sich im Zen­trum Tokats und fie­bert dem Start ent­ge­gen. Ich nut­ze die Zeit vor dem Start, um einen aktu­el­len Bericht in die Hei­mat zu schi­cken. Dabei bemer­ke ich nicht, dass der Gou­ver­neur der Regi­on auf unse­re grü­nen Auto zusteu­ert und dort ein Inter­view geben will. Als ich mich nur unter Mur­ren erhe­be, ern­te ich Geläch­ter von den Team-Kol­le­gen und böse Bli­cke von den Offi­zi­el­len… Mann, ich kann es doch nicht jedem Recht machen!

Schrecksekunde und Horrorunfall

So, den Poli­ti­ker haben wir abge­fer­tigt und jetzt geht es wie­der um das, war­um wir eigent­lich hier sind: pedal to the metal und Spass haben. Wir trei­ben unse­re 850er Vol­vos über schma­le Berg­stras­sen und stau­bi­ge Pis­ten. Auf einem schnel­len berg­ab Stück regis­trie­ren wir im Augen­win­kel selt­sa­me Spu­ren auf der losen Fahr­bahn­ober­flä­che.… dann der Schock: die Spu­ren enden vor einem Abgrund. Dahin­ter nichts! Mist, was ist hier pas­siert?

verunfallter Audi am Abgrund
Der ver­un­fall­te Audi am Abgrund

Schnell sam­meln sich an der Stel­le wei­te­re Fahr­zeu­ge und wir lau­fen zu dem Abgrund, wo die Spu­ren enden. Etwa 20 Meter wei­ter unten liegt ein Audi 100, der anschei­nend erst kurz vor unse­rer Ankunft abge­stürzt ist. Das Auto hat es übel erwischt, aber zum Glück ist es rück­wärts den Abhang hin­un­ter gerutscht und hat sich dabei nicht über­schla­gen. Fah­rer und Bei­fah­rer sind mit hef­ti­gen Schram­men und Prel­lun­gen davon gekom­men. Uff, Glück gehabt!

Mit ver­ein­ten Kräf­ten und Magi­rus-Power (ein ehe­ma­li­ges Feu­er­wehr-Fahr­zeug) ber­gen wir den Audi und ver­tei­len das Gepäck und die Insas­sen auf ver­schie­de­ne Fahr­zeu­ge.

Auto auf Rallye Strecke während der Allgäu-Orient-Rallye 2014
Wei­ter geht es!

Schre­cken abschüt­teln, Dreck abklop­fen und wei­ter geht‘s. Nun aber deut­lich vor­sich­ti­ger, denn es ist uns durch­aus bewusst, dass anstatt des wei­ßen Audis durch­aus auch ein grü­ner Vol­vo dort unten hät­te lie­gen kön­nen.

Übri­gens: Der Audi wur­de abge­schleppt und in der fol­gen­den Nacht — dank tea­m­über­grei­fen­der Meis­ter­leis­tung — wie­der fit für die rest­li­che Stre­cke gemacht. Ver­beult und ohne Wind­schutz­schei­be hat es das Unfall­fahr­zeug noch bis nach Jor­da­ni­en geschafft.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Etwas verlegen, der Kleine
Etwas ver­le­gen, der Klei­ne

Die Strecke fordert Tribut

Die Stre­cke wird immer bru­ta­ler und die Aus­fäl­le neh­men zu. Vor allem bei den Bach-Durch­fahr­ten zer­reisst es regel­mä­ßig tie­fer­ge­leg­te Autos. Meis­tens muss die Ölwan­ne dran glau­ben. Zum Glück haben wir mas­si­ve Unter­fahr­schutz­ble­che unter unse­ren Ren­nern.

Gestrandete Fahrzeuge blockieren die Fahrbahn
Gestran­de­te Fahr­zeu­ge blo­ckie­ren die Fahr­bahn

So anspruchs­voll die Stre­cke auch sein mag, sie gibt immer wie­der tol­le Bli­cke frei. Gei­le Pan­ora­men und bizar­re Fels­for­ma­tio­nen. Nie im Leben hät­te ich gedacht, dass die Tür­kei land­schaft­lich so viel­fäl­tig und bezau­bernd ist. Ich wün­sche mir schon jetzt, hier noch ein­mal vor­bei zu kom­men.

Pause auf Motorhaube
Auch Frisch­lin­ge brau­chen mal eine Pau­se

In den nächs­ten Tagen geht es genau so wei­ter. Wir näch­ti­gen am Strand in Ordu am schwar­zen Meer und fah­ren von dort wie­der ins Lan­des­in­ne­re, um Aus­bli­cke zu erle­ben, die uns an Aus­tra­li­en — ja, du liest rich­tig — erin­nern. So schön!

Bären-Jagd — mit den Objektiven unserer Kameras

Dann folgt mal wie­der ein Moment, wie aus dem Dreh­buch. Schrei­ner-Frisch­ling Mar­kus schreit auf ein­mal in den CB-Funk: “Stopp, ein Bär!” und alle den­ken: “Ja, ist klar Mar­kus”. Doch als das Füh­rungs­fahr­zeug voll in die Eisen steigt, sehen auch wir Meis­ter Petz, wir er über die Stra­ße flitzt.

Bär in Wasser während der Fahrt
Die Bären sind los!

Wir sprin­gen aus den Autos und ver­su­chen, ein tol­les Fotos zu schie­ßen. Der Bär ist nicht rie­sig, viel­leicht 1,5 Meter, aber den­noch beein­dru­ckend. Als unser Phar­ma-Frisch­ling lapi­dar bemerkt: “Dreht euch mal um. Da kommt die Bären-Mut­ter!”, gefriert uns das Blut. Als er laut­hals los lacht, ent­spannt sich die Situa­ti­on wie­der.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Unsere Give-Aways kommen bei den Kindern super an
Unse­re Give-Aways kom­men bei den Kin­dern super an

Zu Gast bei kurdischen Freunden

Wir ler­nen Isma­el ken­nen. Er meint, dass Lands­leu­te (er ist Deut­scher) zusam­men­hal­ten müs­sen und schlägt uns vor, die Nacht bei sei­ner Schwes­ter zu ver­brin­gen. Sie hat eine gro­ße Woh­nung und auch Isma­el ver­bringt dort der­zeit sei­nen Urlaub. Bei der Aus­sicht auf eine kos­ten­lo­se Über­nach­tung und einer war­men Dusche kön­nen wir nicht wider­ste­hen und wil­li­gen ein.

Was wissen wir schon über die PKK?

Nach einem herz­li­chen Will­kom­men sol­len wir uns im Wohn­zim­mer ver­sam­meln. Dort läuft im Fern­se­her irgend­ein Pro­pa­gan­da-Film — mit viel Gebal­ler und Män­nern mit Waf­fen. Isma­els Schwa­ger fragt: “Ihr wisst schon, wo ihr hier seid, oder?” “Klar, bei Freun­den!” lau­tet unse­re Ant­wort. Freun­de schon, aber halt auch PKK-Akti­vis­ten… erklärt uns Isma­el. Was??

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Wir beratschlagen, ob wir bei den PKK-Anhängern bleiben können
Wir berat­schla­gen, ob wir bei den PKK-Anhän­gern blei­ben kön­nen

Wäh­rend wir berat­schla­gen, ob es so klug ist hier zu blei­ben, mischt sich Hassan ein und führt uns zum Bal­kon: “Seht ihr das Auto dort unten? Das ist die Geheim­po­li­zei. Die wird euch beob­ach­ten. Und die ist gleich­zei­tig eure Ver­si­che­rung. Euch wird hier nichts pas­sie­ren.” Wie beru­hi­gend.

Aber wel­che Wahl haben wir? Es ist bereits dun­kel. Also beschlie­ßen wir zu blei­ben. Eine gute Ent­schei­dung! Die Fami­lie ist herz­lich und bewir­tet uns fürst­lich.

Zu Gast bei türkischen Freunden in der Küche
Zuhau­se bei Freun­den!

Ganz neben­bei bekom­men wir auch einen unge­fil­ter­ten Blick auf die Span­nun­gen, die inner­halb der tür­ki­schen Bevöl­ke­rungs­grup­pen herr­schen. Das Fahr­zeug der Geheim­po­li­zei bleibt übri­gens tat­säch­lich die kom­plet­te Nacht vor der Woh­nung und beob­ach­tet, was wir machen.

Auf dem Weg zur iranischen Grenze

Die Beob­ach­tung setzt sich sogar noch am fol­gen­den Mor­gen fort. Bis weit hin­ter die Stadt­gren­ze wer­den wir von der Mili­tär-Poli­zei “beglei­tet”.

Begleitung durch Militärfahrzeug
Ein Mili­tär­fahr­zeug beglei­tet unse­re Abrei­se aus Tün­ce­li

Das Road­book führt uns nun zum Van-See, ganz in die Nähe der tür­kisch-ira­ni­schen Gren­ze.

Nach einer eis­kal­ten Nacht und jeder Men­ge Regen, beschlie­ßen wir, mor­gens sehr früh auf­zu­bre­chen und auf schnells­tem Weg die 900 Kilo­me­ter zurück ans Mit­tel­meer zu fah­ren. Zudem eini­gen wir uns dar­auf, heu­te zwei Tages­etap­pen zu erle­di­gen, um somit mor­gen einen Tag frei machen zu kön­nen.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Ähnlich überladen, wie unsere Autos...
Ähn­lich über­la­den, wie unse­re Autos…

Zurück zum Mittelmeer

Mit einer irren Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keit rasen wir Rich­tung Süden. Wie­der vor­bei an beein­dru­cken­den Land­schaf­ten.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - In der Nähe des Van-Sees blockieren Schafe die Fahrbahn
In der Nähe des Van-Sees blo­ckie­ren Scha­fe die Fahr­bahn
Frischlinge im Auto
Lan­ge­wei­le beim Fah­ren? Kei­ne Spur!

Nach­mit­tags fah­ren wir ent­lang der Gren­ze zu Syri­en. Nur weni­ge Kilo­me­ter wei­ter tobt der syri­sche Bür­ger­krieg und wir sehen Rauch­säu­len auf­stei­gen. In den Jah­ren zuvor führ­te die All­gäu-Ori­ent-Ral­lye-Rou­te auch durch Syri­en und bot somit die Mög­lich­keit, die High­lights die­ses Lan­des wie Alep­po oder Damas­kus zu besich­ti­gen. Das geht natür­lich zur Zeit nicht.

Ölstandsüberprüfung während der Allgäu-Orient-Rallye 2014
AOR 2014 Hach­en­bur­ger Frisch­lin­ge — Der Ölstand wird gecheckt — im Hin­ter­grund: Syri­en

Auf dem Weg nach Isken­der­um, unse­rem Ziel für die nächs­ten bei­den Näch­te, pas­sie­ren wir auch Gazi­antep. Die Stadt erlang­te eine frag­wür­di­ge Bekannt­heit, da sie als Schleu­ser-Stadt der IS fun­gier­te. Wir fah­ren schnell wei­ter.

Nach mehr als 900 Kilo­me­tern Voll­gas errei­chen wir am Abend end­lich unser “Feri­en­re­sort” in Isken­der­um. Den gan­zen Tag haben wir uns aus­ge­malt, wie es sein wird am Mit­tel­meer — am Strand, in ent­spann­ter Atmo­sphä­re faul rum zu lie­gen. Was uns erwar­tet sieht aller­dings kom­plett anders aus: Eine — mit Ver­laub — häss­li­che Indus­trie- und Hafen­stadt, Smog und ein Hotel mit Pool… aber ohne Was­ser.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Schöner pool - nur leider ohne Wasser
Schö­ner pool — nur lei­der ohne Was­ser

Egal, was soll’s? Wir sind ja nicht hier, um Feri­en zu machen. Zudem gibt es etwas zu fei­ern: Ste­fan hat Geburts­tag. Wir gön­nen uns ein Fest­mahl mit Spei­sen vom Lie­fer­ser­vice — denn neben dem Was­ser im Pool fehlt in die­sem Hotel auch der Koch im Restau­rant — und Dosen­bier.

AOR 2014 Hachenburger Frischlinge - Güte gülle Türkiye!
Gül­le gül­le Tür­ki­ye!

Abschied nehmen — gülle gülle Türkiye

So, das Aben­teu­er Tür­kei neigt sich dem Ende zu. Über­mor­gen wer­den unse­re Vol­vos nach Isra­el ver­schifft und wir wer­den Ihnen mit dem Flug­zeug nach Tel Aviv fol­gen. Das All­gäu-Ori­ent Ral­lye Aben­teu­er in 2014 biegt auf die Ziel­ge­ra­de ein und im nächs­ten Bei­trag berich­te ich dir vom hei­ßen Fina­le in Isra­el und Jor­da­ni­en. Von zwei abso­lu­ten High­lights: unse­rem Besuch im SOS-Kin­der­dorf in Paläs­ti­na sowie dem Wüs­ten­aben­teu­er in Jor­da­ni­en. So viel sei vor­ab ver­ra­ten: Wir haben in der Wüs­te kom­plett die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren und sämt­li­che Ersatz­rä­der zer­stört…

Warten auf die Fähre - Iskenderun
War­ten auf die Fäh­re — Isken­de­run

Stay tun­ed!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.